Christof Lauer hat den Blues. Und eigentlich hat er ihn nicht. Zumindest nicht wortwörtlich auf seiner CD "Blues in mind". Naja, eigentlich doch eher wortwörtlich, dafür aber weniger in seinem Spiel. Das klingt verwirrend, lässt sich aber leicht aufklären.
Christof
Lauer - "Blues in mind"
Blues im eigentlichen Sinne, in den bekannten Hörmustern spielt der Saxophonist, der in neun Tagen seinen 54. Geburtstag feiern wird, nämlich nicht. Dazu ist auch die ziemlich ungewöhnliche Triobesetzung mit Michel Godard an Tuba und Serpent sowie Gary Husband an Schlagzeug und Piano (!) wenig geeignet.
Mal strahlend hell, mit halsbrecherischem Tempo wie in "Un regale per natale", dann wieder sanft und beruhigend dringt "Blues in mind" in die Gehörgänge. Michel Godard lässt mit seinem flexiblen Sound auf der Tuba in keinem Moment den fehlenden Bassisten vermissen; Gary Husband agiert neben seinem gewohnt fließenden Stil am Schlagzeug hier überraschenderweise als durchaus akzeptabler Pianist, und Christof Lauer selbst nun, was soll man über sein Spiel noch großartiges erzählen? Für mich zählt Lauer, der ja schon fest zum beweglichen Inventar der NDR Bigband gehört, ohnehin zu den Top Ten der Saxophonisten weltweit.
Kaum ein anderer schafft diese Bandbreite an Tonfärbungen auf seinem Instrument. Oder diese Intensität. Oder diese Ausdruckskraft. So ist "Blues in mind" in diesem Fall also doch eher wortwörtlich zu nehmen, denn was ist der Blues denn außer einem Lebensgefühl. Fragt sich nur, warum Christof Lauer den Blues im Kopf hat - wegen des Alters, dem unaufhörlichen Prozeß des Niedergangs?
Also, lieber Christof: mit 54 ist man nicht zu alt, schon gar nicht für die Musik, und wenn man so ein Album wie eben jenes vorlegt, dann besteht dazu wirklich keine Veranlassung.
Hermann Mennenga
CD: Christof Lauer - "Blues in mind" (ACT Music ACT 9446-2)
Act Music im Internet: www.actmusic.com
Cover: n.n.